Gründung des Vereins und Entwicklung bis zum 1.Weltkrieg
Am 27. April 1885, an einem Montagabend, trafen sich 14 sangesfreudige Männer und wollten im damalig selbständigen Dorf Naundorf einen Chor gründen. Der Initiator des Bestrebens war der Lehrer Anton Süßmilch, der mündlich und schriftlich im Ort dafür geworben hatte. Er leitete auch die erste Versammlung und ganz unbürokratisch fand bereits 2 Tage später, am 29.4.1885, abends 9 Uhr die erste Übungsstunde statt.
Obwohl in der nahen Kreisstadt Großenhain bereits einige Liedervereine, auch Männerchöre existierten, z.B. der bereits 1844 gegründete Männergesangverein Liedertafel , war vor allem von den Beschäftigten der im Ort gelegenen, 1763 gegründeten Kattunfabrik, der Wunsch nach einem eigenen Lied-Verein gekommen. Diese soziale Gruppe, Drucker,Weber u.a. Beschäftigte des Werkes, bildete dann auch längere Zeit den Kern des Chores. Erster Vereinsvorsitzender wurde Clemens Mätzold. Am 16. Mai 1885 gab sich der Chor den Namen Männergesangverein zu Naundorf . Als Vereinslokal wurde der Naundorfer Gasthof Lindengarten bestimmt, der es auch viele Jahrzehnte (bis 1957) blieb.
Bereits 1 Jahr später, zum 1. Stiftungsfest am 23.5.1886 konnte sich der neue Chor u.a. mit folgenden Liedern präsentieren: Brüder reicht die Hand zum Bund (von W.A. Mozart) Frühlingsglaube (Text: Ludwig Richter, Musik: Rudolf Tschirch) Wie schön bist Du (aus Die Nacht von Franz Schubert). Bei verschiedenen Wechseln in der Vereinsführung und auch in der künstlerischen Leitung (s. Aufstellung im statistischen Anhang) gab es eine kontinuierliche Entwicklung. So war in der Hauptversammlung am 29. April 1894 die beachtliche Anzahl von 66 Mitgliedern anwesend. Hierzu gibt es auch das erste Fotobild!
1897 wurde der Antrag auf Beitritt zum Deutschen Sängerbund gestellt und auch durch den Vorstand des Sängerbundes Meißner Land gewährt. Einen musikalischen Höhepunkt brachten die Jahre 1910-12 für den Chor. Zum einen das eigene 25-jährige Stiftungsfest, zu dem der Großenhainer Kantor Paul Gläser, als Komponist, Kirchenmusiker und Chorleiter weit über die Grenzen der Stadt und des Kreises bekannt, gewonnen werden konnte. Er übernahm Aufstellung und zeitweise auch die Einstudierung des Festprogramms und wird seit dieser Zeit auch als Ehrenmitglied des Vereins geführt. Zum anderen fand am 15./16.6.1912 im benachbarten Großenhain das Jubiläums-Sängerfest des Sängerbundes Meißner Land zum 50-jährigen Bestehen statt. Der ausrichtende Verein war die Liedertafel Großenhain. Der MGV Naundorf war einbezogen in die Ortsgruppe Großenhain, zu der weiterhin gehörten: Liederkranz , Arion , Orpheus , MGV Großenhain, MGV Mülbitz und eben Liedertafel. Insgesamt 38 Chöre beteiligten sich an diesem bedeutsamen Ereignis für Stadt und Kreis (Amtshauptmannschaft).
Am 14. Mai 1914 gab es die letzte Hauptversammlung vor dem 1. Weltkrieg und während der Kriegsjahre gab es nur ein sehr eingeschränktes Vereinsleben und nur wenige Aktivitäten. Leider musste auch der relativ kleine Naundorfer Chor einen hohen Blutzoll im Krieg der großen Industriestaaten um die Vorherrschaft in Europa und der Welt zahlen. 8 Sänger mussten dabei ihr Leben lassen!
1907 - Männergesangverein Naundorf e.V. mit seiner neuen Vereinsfahn
Der Verein im Zeitraum von 1919 bis 1945
Am 6. März 1919 fand die erste Zusammenkunft des MGV Naundorf nach dem Kriege statt. 18 Mitglieder, aktive wie passive, fanden sich ein. Der Verein und der Vorstand standen allerdings vor großen Problemen. Auf Grund der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse (Arbeitslosigkeit, Nahrungsmangel, Geldentwertung, politische Instabilität u.a.), des Kampfes fast jeder Familie um existenzielle Fragen war es schwer, den Verein zusammenzuhalten und es stand manchmal die Frage des Aufgebens. Letztlich entschied man sich, für uns heute zum Glück, zur Fortsetzung der Vereinsarbeit, wenn auch die Phase der Konsolidierung (Festigung) bis in die Jahre 1925/26 andauerte.
Mit den Neuwahlen am 7. Mai 1925, wurde der Glasermeister Arno Mann neuer Vorsitzender. Den langjährigen Kassierer, Wilhelm Obenaus, verabschiedete man aus Altergründen mit einem herzlichen Dank. Er hatte 38Jahre (!) in dieser ehrenamtlichen Funktion gewirkt. Mit der Anmeldung von 8 Mitgliedern des MGV Liederkranz Großenhain erhielt der Chor eine erhebliche Verstärkung. Damit war in diesem Jahr der Grundstein gelegt für eine neue Blütezeit des Vereins, als fester Bestandteil des kulturellen Bereiches des Ortes und darüber hinaus.
In den Jahren 1926-1932 gab es dann ein reges Vereinsleben mit Konzerten, Sängerfahrten, Kinderfesten, Teilnahme an Sängerfesten und vielen anderem. Die Chorchronik gibt darüber nähere Auskunft.
Ein Ereignis sei näher genannt bei dem die Naundorfer aktiv mitmischten. Es war das 23. Sängerfest des Sängerbundes Meißner Land am 27./28.6.1931, das nach den Jahren 1864, 1880 und 1912 zum vierten Male in Großenhain stattfand und wie sich später zeigte für über 60 Jahre das letzte! Es wurde mit einem Fackelzug zu Ehren Paul Gläsers (22.3.31 - 60.Geburtstag), einem Hauptkonzert, einem Stunden- und Kirchenkonzert, den Festzug sowie einem Sänger-Kommers (Vergnügen) opulent begangen und von Hunderten von Sängern sowie Gästen, die in Großenhain weilten, zu einem großen Erfolg gestaltet. Veranstaltungsort war im Übrigen eine große Flugzeughalle auf dem Flugplatz Großenhain.
Doch bald ging der Alltag im MGV weiter und auch die gesellschaftlichen Probleme dieser Jahre schlugen sich im Chor nieder. So waren am 1.11.1933 von 49 Sängern - 16 arbeitslos (fast 33 %!).
Am 30.1.1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen. Damit war er Weg frei für die NSDAP (Nationalsozialistische Arbeiterpartei) als alleinige Staatspartei, sie konnte in den Folgejahren die Durchsetzung ihrer Ziele konsequent verfolgen. Für die Vereine, die Kultur und das Geistesleben insgesamt, bedeutete das, dass zwar nicht sofort, aber Schritt für Schritt die Gleichschaltung und Ideologisierung zunahm und sich durchsetzte. Mit der Festigung ihrer politischen Macht erfolgte auch eine Zentralisierung aller Strukturen, so unter anderem die Auflösung der Länderverwaltungen und des Sächsischen Sängerbundes. In der Folge war dann der MGV Naundorf z.B. unter folgender Gliederung erfasst: Deutscher Sängerbund, Sängerbund XX Sachsen, Sängerkreis 4 Meißner Land, Gruppe I (Großenhain), Verein Nr. 14.
Trotz neuer Bezeichnungen änderte sich vorerst in den Programmen und Jahresabläufen der Vereine noch nicht sehr viel. In Naundorf prägte weiterhin Unterhaltungsabende, zumeist mit Theateraufführungen, Faschingsveranstaltungen, Teilnahme an Sängerfesten und Jubiläen, Ausflüge und natürlich die wöchentliche Singestunde die Vereinsarbeit. Vor dem MGV Naundorf stand dann 1934/35 vor allem die Aufgabe, das 50-jährige Jubiläum der Vereinsgründung gut vorzubereiten. Am 1./2. Juni 1935 fand das Fest mit vielen Gästen statt und wurde ein guter Erfolg. An der Programmzusammenstellung hatte wieder der Ehrenliedermeister Paul Gläser mitgewirkt. Hatte dieses 50-jährige Jubiläum noch mit relativer Selbständigkeit des Vereins gestanden, so wurde in den kommenden Jahren der zentralistische und ideologische Druck immer stärker. So mussten ab 1937/38 die zu spielenden Theaterstücke vor der Kreisleitung der NSDAP und der Stadtverwaltung genehmigt werden. Es wurden alle Vereine angewiesen: Vorstandschaft muss in NSDAP sein, nichtarische Leitungsmitglieder und Dirigenten müssen die Ämter niederlegen, Führerratssitzung statt Vorstandssitzung, unter Schriftverkehr die Unterschrift Heil Hitler - Der Führer und anderes.
Als der von den Nazi-Machthabern vom Zaune gebrochene Krieg nach Anfangserfolgen langsam aber sicher zu seinem Ausgangspunkt zurückkam, verschärfte sich der Druck weiter. So wurden die Zusammenlegungn von Vereinen (kein Verein unter 40 Sänger), in kleineren und mittleren Orten angewiesen. Es wurde nur noch 1 Männergesangverein und 1 Gemischter Chor zugelassen und weitere Auflagen diktiert. Bald wurde jeder wehrfähige Mann (bis 45 Jahre) zur Wehrmacht eingezogen, was natürlich Auswirkung in den Männerchören hatte. In der Bestandserhebung vom 24.5.1941 wurden z.B. bereits 19 von 41 im MGV Naundorf als Angehörige der Wehrmacht gemeldet, der Rest waren Rentner. Die letzte Hauptversammlung fand am 27.5.1943 statt und die letzte Veranstaltung ist für den 26.9.1943 nachweisbar, wo der MGV Naundorf im Block der Männerchöre an einem WHW (Winterhilfswerk)-Konzert im Sachsenhof mitwirkte.
Wie bereits im 1. Weltkrieg, so musste auch im 2. Weltkrieg eine große Anzahl (11) junger hoffnungsvoller Männer aus dem MGV Naundorf ihr Leben in einem Krieg, der von den Führern Nazi-Deutschlands verursacht war, lassen. Ihr Tod soll uns immer Mahnung und Vermächtnis sein!
Vom neuen schweren Anfang zur gesellschaftlichen Wende (1948-1989)
Auch der 2. Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren im Vereinsleben und beendete es vorerst ganz. Der Zusammenbruch des Hitlerregimes, die bedingungslose Kapitulation im Mai 1945, war für viele somit auch das Ende von Gesang und Frohsinn.
Doch der Wille der Menschen zum Leben und für die Gestaltung einer besseren und friedlichen Zukunft brach sich auch in Naundorf immer mehr Bahn. Da es entsprechend einer Verordnung der SMAD (Sowjetische Militäradministration) verboten war Vereine zu bilden, die Gründung von kulturellen Laiengruppen (Gesang, Tanz, Theater, Instrumentalmusik u.a.) aber gestattet war, schlossen sich ehemalige Mitglieder des Naundorfer Männerchores, aber auch neue Sänger, dem Großenhainer Volkschor an.
Das Bedürfnis nach reinem Männergesang wurde jedoch stärker und am 8.1.1948 wurde, unterzeichnet von 12 ehemaligen Mitgliedern des MGV Naundorf, ein Schreiben an das Kulturamt Großenhain gerichtet zwecks Wiedergründung des Männergesangvereins. Nach einigen Querelen war es dann aber am 11. Februar 1948 so weit. Zur Gründungsversammlung erschienen 41 Sangesfreunde und am Ende des Jahres waren es dann schon 95 aktive wie fördernde Mitglieder. Von diesen singen die Sangesfreunde Gerhard Pohling und Werner Born heute noch im Chor und Sangesfreund 15 Friedrich Obenaus, der vor kurzem seinen 90. Geburtstag feierte, ist unser förderndes Mitglied!
Als 1. Vorsitzender wurde Max Hofmann gewählt, dessen Enkel, Uwe Bielang, auch seit Jahren Mitglied im Chor ist. Liedermeister war Harry Liebert und er blieb es 38 Jahre! Bald hatte der Chor auch wieder seine Betätigungsfelder im Kulturleben der Stadt gefunden. Sie lagen vor allem auf heiterem und geselligem Gebiet sowie in der Festigung der eigenen Gemeinschaft, so durch Chorfahrten, Wandersingestunden, Sängerfesten und anderem.
Die Fastnachtsvergnügen, die jährlich unter einem bestimmten Motto standen und die Theateraufführungen, die vor allem in den Jahren 1950-57 stattfanden, wurden von einem großen Publikum mit Freude aufgenommen.
Doch nicht nur dem heiteren und geselligen Genre fühlte man sich verbunden, auch der Anspruch für die eigene künstlerische Leistung wurde höher gesetzt. Genannt seien der Konzertabend "Dorfheimat" mit dem Sinfonieorchester Großenhain (1952), die Mitwirkung am Oratorium "Empor" von Paul Gläser (1954), das Konzert "Die Sängerfahrt nach dem Süden" (1956) und anderes.
Nicht zuletzt die eigenen Jubiläen waren Anlass, gute organisatorische Gastgeber, aber auch eigene künstlerische Leistungen zu zeigen. So fand 1950 das Stiftungsfest zum 65-jährigen Bestehen statt und am 14. Mai 1960 wurde das 75-jährige Jubiläum begangen. 16 Chöre mit 27 Ehrengästen (darunter ehemalige Liedermeister) waren anwesend und gestalteten das Ereignis zu einem guten Erfolg.
August 1954 - Festkonzert in der NVA-Halle
Männerchor Naundorf, Volkschor Großenhain und Volkschor Niederau
Leitung: Harry Liebert - Aufführung des Chorwerkes "Es ist Vollbracht" von KMD Paul Gläser
(Foto: Max Bretschneider)Mit der Schließung des Lindengartens des bisherigen Vereinslokals im Jahr 1957 stand in Naundorf als Proben- und Versammlungsraum nur noch der Kultur- und Speisesaal der Stoffdruckerei (ehemals Kattunfabrik) zur Verfügung. Die Beziehung zu diesem Betrieb, der ja auch Arbeitgeber für viele Chormitglieder war, wurde ab 1956/57 verstärkt aufgenommen. Sie fanden ihren Niederschlag in Partnerschaftsverträgen und Vereinbarungen indem als wichtigster Punkt die unentgeltliche Bereitstellung des Probenraumes stand. Nachdem der Chor ab 1969 als Kulturgruppe des Betriebes geführt wurde, übernahm er dann auch 1972 den neuen Namen Männerchor des VEB Lautex Großenhain. Damit war der Chor den Weg gegangen, den zu dieser Zeit fast alle Chöre und Kulturgruppen gingen, die Anbindung an einen Betrieb oder eine Institution. Das brachte zum einen eine weitestgehende materielle Absicherung, einschließlich der Kosten für den Liedermeister, war zum anderen aber verbunden mit einer größeren Einflussnahme des Betriebes und staatlicher Stellen auf inhaltliche und 16 organisatorische Fragen der Chorarbeit. Trotzdem behielt der Chor seine relative Selbständigkeit und seine Vereinsstruktur auf die schon die Mitglieder achteten und drängten. So ist dann auch in der Folgezeit die Programmgestaltung darauf gerichtet, den Anforderungen des Betriebes und des Staates einigermaßen zu entsprechen wie z.B. Singen zu Jugendweihen, Betriebsfesten, Mitwirkung an Sängerfesten. Zum anderen aber soll das Eigenleben weiter bewahrt und gestaltet werden. Hierzu gehörte auch das 90-jährige Bestehen, das mit einer Festveranstaltung im Kulturhaus und einer internen Chorfeier am 7. Juni 1975 begangen wurde.
Diese Gratwanderung unternahm der Chor dann bis zur Jahreswende 1989/90 unter Führung des Vorstandes unter seinem Vorsitzenden Werner Jähnichen, der bereits 1970 in diese Funktion gewählt worden war.
1984 - Die vereinigten Männerchöre des Kreises Großenhain beim Zwingersingen Leitung: Volker Janke
(Foto: privat)
Wendezeit - auf dem Weg zum Verein und seine Chancen
Vorwort
Es ist für den Verfasser der Zeilen nicht einfach, eine Zeit zu beschreiben, in der er selbst gelebt, gehandelt und aktiv mitgewirkt hat. Andere sollen beurteilen, ob man sich selbst treu geblieben ist und seine Ideale verwirklichen konnte. Man wird bewerten, ob den vielen Worten in der Wendezeit die entsprechenden
Taten gefolgt sind. Ein jeder Mensch, der die Zeitändern wollte, hatte damals wie heute vielfältige Wünsche, Träume und Ziele. Als Christ denke ich heute noch an das Wunder des Heiligen Geistes in der atheistisch geprägten DDR. Die Sprachen der SED-Politiker in Berlin wurden verwirrt, woraufhin die Grenzen zum Westen, am 8. November 1989, aufgingen. Es war die Zeit, wo alle Kraft aus den Kirchen heraus kam und Tausende im Land zu den Friedensgebeten eilten.Gutes bewahrt
Als nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg durch eine Verordnung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) im Osten Deutschlands alle Vereine aufgelöst wurden, benötigte man mit dem Aufbau des Männerchores Großenhain-Naundorf eine innere Verwaltungshierarchie zur Leitung. Klugerweise besann man sich damals auf die bisherigen Satzungen und setzte diese wieder in Kraft.
Über all die Jahre der DDR hinweg verwaltete sich unser Chor in dieser Tradition. Es gab immer den 1. Vorsitzenden, den 2. Vorsitzenden, die Schriftführer, die Notenwarte, den Vergnügungsausschuss und den Liedermeister. Selbst der Übungsabend des Chores wurde auf Dienstag um 20.00 Uhr festgelegt. Auch wenn die Männerchöre in dieser Zeit von den Kulturaktivisten belächelt und oft benachteiligt wurden, sollte sich diese Struktur bewähren.Zeit des Aufbruchs
Am 28. Oktober 1989, einem Donnerstag, schloss die Rockgruppe Solaris aus Berlin ihr Konzert in der Marienkirche mit dem Lied Dona nobis pacem. Während dieser musikalischen Bitte um Frieden entzündeten die Besucher Kerzen als Symbol der Gegenwart Gottes. Unmittelbar nach dem Konzert begannen vier Großenhainer, am Wildenhainer Tor der Kirche, mit dem gemeinsamen Ruf Wir sind das Volk die erste Demo in unserer Stadt. Viele Konzertbesucher warteten förmlich darauf, dass jemand das Signal gibt. Mit meiner Frau schlossen wir uns an. Ungefähr 100 Menschen waren voller Mut und Hoffnung, doch keiner wusste, wie der Abend ausgeht und ob die Staatsmacht eingreift oder nicht. In den Seitenstraßen sah man Abseitsstehende, die dem Ruf Schließt euch an, wir brauchen jeden Mann, nicht folgten. Das war der friedliche Beginn der Donnerstagsdemo in Großenhain.
Was waren die Motive der Sänger, die sich im Folgenden dem Neuen Forum, der Arbeitgruppe Kultur, angeschlossen haben. Dabei waren Kantor Joachim Jänke, Sangesfreund (Sfr.) Gerhard Kürbis und Sfr. Siegfried Behla. Die Treffen fanden sämtlich im Eckhardt-Haus statt. Wir trafen uns im unteren linken Raum der Inneren Mission, später Diakonie genannt. Nach einer Donnerstag-Demo im November 1989 ergriff unter vielen der Sfr. Behla vom Balkon des Rathauses aus das Wort an die versammelte Menschenmenge. In seiner Ansprache forderte er unbedingte Veränderungen in den sozialen und in den kulturellen Bereichen der Stadt. Er kritisierte die sozialistische Kleinkariertheit und die Einspurigkeit der Kulturszene in Großenhain, die Verwehrung von Druckgenehmigungen und die Gesinnungsschnüffeleien in den Chören. Auslösende Ursachen waren
die Schwierigkeiten, 100 Jahre Männerchor in Großenhain feiern zu wollen und die Diktate als mündiger Bürger erdulden zu müssen. Er kritisierte die Willkür der herrschenden Partei vor Ort und ihre willfährigen unverbesserlichen Eiferer in der Kulturszene.Zeit des Erinnerns
Unvergessen und in der Chorchronik festgehalten ist die Schikane, die uns als Männerchor der TVG Lautex 1985 gemacht wurde. Wir wollten wie andere Chöre im Bezirk Dresden auch unser 100-jähriges Jubiläum feiern. An einem Nachmittag im März wurden die Vorstandsmitglieder zum Werkleiter Geisler des VEB Lautex bestellt. Dort versammelt waren Funktionäre der SED Betriebs- und Kreisleitung. Das Thema: 100 Jahre Männerchor im 40. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus begehen oder nicht begehen zu dürfen. Im Weiteren wurde vor dem Druck unser Programm mit Erläuterungen zur Festwoche diskutiert. Das Redaktionsteam hätte keinen klaren ideologisch gefestigten sozialistischen Klassenstandpunkt des Männerchores zum Ausdruck gebracht und deshalb dürfe das nicht erscheinen. Letztlich ging es darum, warum wir gerade am Samstag, dem 20. April, mit einem Männerchortreffen im Haus der Pioniere eröffnen wollen. Voller Wut über die Arroganz und Dummheit der Unterstellungen verließen wir den Ort des Verhöres. Es war eine groteske Erfahrung, die uns für die Zukunft geprägt hat. Nur der Werkleiter setzte sich für uns ein, da er uns als Persönlichkeiten kannte.
Wir erfuhren von einigen Genossen eine Wertschätzung als Kulturensemble, wie man unsere kulturellen Leistungen in der Region einfach ignorierte und mit einem Handstreich der Macht unter den Tisch fegte. Der hintertreibende Aktivist dieser unsäglichen Zusammenkunft ist uns seit damals bekannt. Schließlich erfuhr unsere Festschrift noch ein ausgerichtetes Vorwort. Unser Text der Redaktionskommission begann mit den Worten: Sieben Bände der Chronik ?¦.. Der Verfasser dieses Vorwortes ist uns bis heute nicht bekannt. Es war aus Sicht aller Sänger, unter der damaligen Chorleitung von Volker Janke, eine sehr gelungene Festwoche. Unser Fazit bei der Auswertung: Die 110 Jahre werden nicht gefeiert, da wir dann wieder mit dem 50. Jahrestag unsere Probleme hätten. So planten wir damals, schon aus innerem Protest heraus, das zukünftige Jubiläumsziel sind 111 Jahre Männerchor. Nicht wissend, dass alles anders kommen würde.
Ungern erinnere ich mich an die Treffen der Kreisarbeitsgemeinschaft Chor am Kirchplatz, wo immer eine ideologische Ausrichtung der Chorverantwortlichen passieren sollte. Hier erfolgte die Kulturkritik und Anleitung der Umsetzung der Beschlüsse der SED-Kulturpolitik für die untere Ebene. Es wurden oft die Männerchöre für ihre Verhaltensweisen und für ihr Liedgut kritisiert. Der Vorsitzende übte sich in Alleinunterhaltung, diktierte das Kulturgeschehen und ließ kaum eine andere Meinung, als die Seine, gelten. Für viele Teilnehmer der Chöre des Kreises Großenhain war es die Pflichtveranstaltung, denn oft ging es auch um Fördergelder für die Kulturarbeit.
Ein wichtiger Tag war die Demonstration am 12. April 1990, Contra dem Fluglärm. Der Aufruf von der SPD, dem sich die CDU anschloss, diente dem stillen Protest mit einer Menschenkette vom Rathaus bis zum Flugplatz. Allen Teilnehmern ging es darum, etwas gegen unsäglichen Flugplatzlärm der MIG ?™s am Tage und in der Nacht zu tun. Da wir immer Dienstagabend Chorprobe im Kulturraum der Lautex hatten, mussten beim Starten der Maschinen durch den sehr lauten taubmachenden Fluglärm die Übungen unterbrochen werden. Schließlich fassten wir den Entschluss, die Probeabende auf Montagabend vorzuverlegen. Ohnmächtig etwas gegen die Brutalität der Sowjetarmee zu tun, fanden sich zur Menschenkette sehr viele Sangesfreunde ein, um wenigstens Signale gegen diese Belästigungen zu setzen. Das politische Ziel diente im gemeinsamen Protest der Auflösung des Militärflugplatzes.
18.00 Uhr - ein erhebender Augenblick, die Kette - Hand in Hand - für ein ruhiges Großenhain ohne Tiefflüge
(Fotos: S. Behla)Die vielen erlebten Bevormundungen und Demütigungen ließen in uns den Gedanken einer unbedingten Veränderung reifen. Schließlich entluden sich der Frust und aller Unmut bei den Sprechchören und freien Reden der Demo-Teilnehmer in Großenhain immer donnerstags.
Zeit des Neubeginns mit Großenhainer Sängern
Die (Wieder)-Gründung des Sächsischen Sängerbundes e.V. erfolgte am 08. September 1990 im Colditzer Schlosssaal. Die Sänger vom Colditzer Männerchor ergriffen die Initiative und luden die Männerchöre Sachsens zur Gründungsversammlung ein. Viele Chorvertreter waren der Einladung gefolgt. Von unserem Chor delegiert waren die Sangesfreunde Gerhard Kürbis, Andreas Franke und Siegfried Behla. In der Anwesenheitsliste trugen wir uns als 20. Chor ein. Zur Eröffnung sangen alle Chorvertreter das Bundeslied von W. A. Mozart, Brüder reicht die Hand zum Bunde. Im Anschluss wurde der einstigen Liedermeister der sächsischen Bundeschöre gedacht, die namentlich verlesen wurden. Dabei wurde auch der Kirchenmusikdirektor Paul Gläser aus Großenhain benannt. Dass sich der Bund nur um die Männerchorarbeit bemühte, war der Tatsache geschuldet, dass die DDR-Kultur-Denker das Männerchorwesen total abwertend deuteten. Aus heutiger Sicht war diese Einspurigkeit ein Fehler, aber für das Selbstbewusstsein der Männerchöre im Land sehr wichtig. In großer Einmütigkeit, ohne Gegenstimmen bzw. Stimmenthaltungen, wurde der Vorstand in fünf Einzelabstimmungen gewählt.
Das erste SSB-Präsidium setzt sich wie folgt zusammen:
Präsident: A. Peter Bräuer, Colditz
Vizepräsident: Karl Frotscher, Dresden
Geschäftsführer: Frank Männel, Rodewisch
Schatzmeister: Joachim Häßler, Reichenau
Schriftführer: Siegfried Behla, GroßenhainMit dem Sächsischen Sängerspruch, Treu schlägt das Herz, gern hilft die Hand, hell klingt das Lied im Sachsenland beendeten die Chorvertreter die historische Wieder ?“ Gründungsversammlung. Mit unserer Beitrittserklärung gehörten wir wiederum dem Deutschen Sängerbund e.V. an. Ein sehnsüchtiges Ziel wurde erreicht. Von der Geschichte wurde mancher eingeholt. Auf Grund von Stasi-Verstrickungen im DDR-System wurde der erste Präsident in der Mitgliederversammlung vom 15. Februar 1992 seines Amts enthoben. Das Amt des Vizepräsidenten war nach dem unerwarteten Ableben des hochverehrten Kantors Karl Frotscher seit Ende Februar 1991 nicht mehr besetzt. Es musste ein neues Präsidium gewählt werden.
Schlosssaal Colditz - Wiedergründung des Sächs. Sängerbundes im September 1990.
v.l.: der neue Vorstand: Sfr. Behla, Häßler, Männel und Bräuer (Foto: SSB-Chronik)In einer weiteren Außerordentlichen Mitgliederversammlung des SSB am 11.April 1992 in Colditz, unter der Versammlungsleitung des Präsidiumsmitgliedes Siegfried Behla, wurde ein Kapitel des Sängerbundes abgeschlossen und ein neues aufgeschlagen. Als neuer Präsident kandidierte Wolfgang Wehmann, Dresden. Einstimmig wurden die Kandidaten von den Mitgliedern gewählt. Vizepräsident wurde Peter Schmidt aus Reichenberg. Im gleichen Maße ergänzte die Mitgliederversammlung die Satzung und öffnete den Bund für die Gemischten- und Frauenchöre. Zum Vorsitzenden des Musikausschusses erklärte Kantor Joachim Jänke seine Bereitschaft und Sfr. Gerhard Kürbis wurde im Amt des Erweiterten Präsidiums bestätigt.
Der neue Präsident Wehmann dankte in seinem Schlusswort insbesondere Siegfried Behla, der erneut ins Präsidium gewählt wurde, für seine aufopferungsvolle und tatkräftige Tätigkeit bei der Überbrückung der kritischen Situation im Sächsischen Sängerbund. (Auszug, Chronik des SSB)Aufsteh'n, aufeinander zu geh'n
Die Vereinsgründung wurde am 24. September 1990 mit einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zum Männergesangverein TV -1885 Großenhain e.V. vollzogen. Auf Grund des neuen Vereinsgesetzes im BGB, haben wir unsere Satzung mit Hilfe vom Partnerchor aus Öhringen, und eines Chores aus dem Ruhrpott erstellt. Der 2. Vorsitzende, Siegfried Behla, leitete die Außerordentliche Mitgliederversammlung. Die neue Vereinsatzung wurde vorgestellt, erläutert, diskutiert und schließlich einstimmig von den Vereinsmitgliedern beschlossen. Insgesamt unterzeichneten 10 zukünftige Vorstandsmitglieder die Neueintragung ins Vereinsregister. Es waren die Sangesfreunde Werner Jähnichen, Wolfgang Scholze, Wolfgang Liebig, Gerhard Kürbis, Volker Muschter, Joachim Fuchs, Gerhard Naumann, Klaus-Dieter Hommel, Gerhard Pohling und Siegfried Behla.
Der Sangesfreund Werner Jähnichen wurde nochmals als Vorsitzender und Siegfried Behla als Stellv. Vorsitzender gewählt. Im Interesse aller und in Anbetracht des angegriffenen Gesundheitszustandes des Sfr. Jähnichen wurde im Frühjahr 1991 der Sfr. S. Behla zum Vorsitzenden, Sfr. Wolfgang Scholze zum Stellv. Vorsitzenden gewählt. Der Sfr. Werner Jähnichen wurde zum Ehrenvorsitzenden und ständigen Mitglied des Vorstandes ernannt. Der Verein wurde am 11. April 1991 unter der Nummer VR 104 in das Vereinsregister des Kreisgerichtes Riesa-Großenhain eingetragen. Mit der Vereinsgründung begann die eigenständige Vereinsverwaltung und Finanzierung aller Vorhaben, Musikrechte und Beteiligungen. Der erste vereinbarte Beitrag, pro aktiven Sänger, lag bei 5, ?“ DM pro Monat. Dank der Beschlüsse von 1948, gab es bei der weiteren Konstituierung des Vereines keine Probleme, weil wir uns immer als Verein verstanden haben.
Am 01. Oktober 1990 war die letzte Übungsstunde in der DDR. Obwohl dieser Abend wie jeder andere begann, endete er für die 26 Sänger unter dem Chorleiter Egon Häusler anders als sonst. Kurz vor Schluss ergriff der 2. Vorsitzende S.Behla das Wort und hielt eine besinnliche Ansprache. Heute beenden wir die Singestunde in der so genannten DDR. Morgen Abend Schlag Mitternacht wird unser Vaterland wieder Deutschland heißen ?¦ ?¦ Zum Abschluss sangen wir alle gemeinsam, mit Klavierbegleitung des Chorleiters, das Lied der Deutschen, Vers drei: Einigkeit, Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland ?¦. Das Lied erklang nach 45 Jahren zum ersten Mal auf unserem Gebiet wieder. Auch wenn die Klangfarbe fehlte, dazu waren alle zu sehr bewegt, und der berühmte Kloß im Hals beeinträchtigte die Stimme.
Partnerschaft suchen
Mit der neu gewonnenen Freiheit entfaltete sich im Männerchor ein vielfältiges aktives und reiches Vereinsleben. Partnerschaften wurden erlebt und gegründet. Singende Gäste trafen sich in Großenhain. Aufgrund unserer Choraktivitäten und der Mitwirkung im SSB gab es mehrere kulturelle Chorhöhepunkte. Auch mit unseren Beiträgen als Männerchor entwickelte sich unser Großenhain zur Kulturstadt.
Die Chorfahrt ins Saarland vom 05. Oktober bis zum 08. Oktober 1990 war ein Chorerlebnis der Superlative. Über unseren Chorleiter Egon Häusler aus Graupa, kamen wir in Kontakt mit dem Männerchor Burkardtswalde/Glashütte. Dieser Männerchor hatte eine Beziehung ins Saarland aufgebaut. Der damalige Vizepräsident des Saarsängerbundes, Manfred Grünbeck, wollte es zu DDR-Zeiten unbedingt erreichen, dass eine Chorbegegnung im Saarland stattfindet, weil der Staatsratsvorsitzende der DDR Honecker ja auch ein Saarländer sei.
Singen schlägt Brücken - Saarlandfahrt vom 5.-8. Oktober 1991 -Sängerfest in St. Ingbert beim Becker-Chor
(Foto: S. Behla)Wie ein Wunder, der Zielort war Ommersheim in der Gemeinde Mandelbachtal, ohne Honeckers Zustimmung. Wir waren der erste Chor im Saarland, nachdem die deutsche Einheit vollendet war. Es war ein Ort mit 2200 Einwohnern, 28 Vereinen, davon eine Chorgemeinschaft mit 86 aktiven Sängerinnen und Sängern, einen Nachwuchs- und Schulchor, ein Kirchenchor und ein Orchester mit 102 aktiven Musikern. Uns wurde gesagt, dass Ommersheim der musikalischste Ort im Saarland sei. Freundschaftsabende mit Chorgesang und Begrüßungsreden, eine Stippvisite in Frankreich, eine Gottesdienstumrahmung, Eintragungen aller ins Ehrenbuch von Ommersheim. Das Sängertreffen in St.Ingbert bleibt für die Beteiligten unvergessen. Als wir uns auf der Bühne formiert hatten und die Ansage erfolgte, trat plötzliche Stille ein. Nach dem ersten Lied stellte der Chorsprecher Siegfried Behla die Vereine vor. Bei diesen Worten ergriff es manchen unserer Zuhörer. Unser Lied Brüder reicht die Hand zum Bunde drückte in der riesigen Halle die Gefühle und Hoffnungen aller Anwesenden aus. Es flossen Tränen der Freude und Ergriffenheit, und Hände wurden von unbekannten Menschen gedrückt.
Chorleiter Kantor Joachim Jänke
Nachdem Egon Häusler im November 1990 den Chorleiterdienst mit uns abrupt beendete, begann am 04. Dezember 1990 die erste Probe mit Kantor Joachim Jänke für die angenommenen Weihnachtskonzerte. Ihm lag sehr viel daran, den Männerchor zu fördern. Zum ersten Mal sangen wir unsere Weihnachtslieder in der Marienkirche Großenhain.
Mit dem Kantor Joachim Jänke, erstmalig einem Kirchenmusiker, begann ab dem Chorjahr 1991 ein verändertes Proberegime. Wir übten wieder dienstags, an seinem eigentlichen freien Abend in der Woche. Stimmbildungen und Lockerungsübungen fanden bald guten Anklang und wurden zur Normalität. Im Repertoire fand auch das geistliche Lied seinen Platz. Bald veränderte sich das Klangbild des Männerchores positiv. Eine neue musikalischeära begann zum Wohle aller Beteiligten.
Joachim Jänke wurde Mitglied unseres Vereines. Der Chorgesang entwickelte sich in eine andere Richtung. Mit seiner Erfahrung und seinem Können erarbeitete er mit den Sängern ein Festkonzert für den 27. April 1996 in der Marienkirche. Der Anlass war 111 Jahre Männergesangverein 1885 Großenhain-Naundorf e.V. Mit einem erstmalig gesungenen Block geistlicher Chorsätze waren am Schluss selbst die letzten Skeptiker von der Richtigkeit überzeugt. Mit dem Konzert Lieder durch die Zeiten wurde die Vertrauensbasis hergestellt. Am Konzertende erklang mit allen Gästen der Kanon Dona nobis pacem.
27. April 1996 - Festkonzert in der Marienkirche - 111 Jahre MGV (Foto: B. Günther)
Der letzte Ton war verklungen, da erhoben sich die zahlreichen Besucher von ihren Plätzen und dankten allen Mitwirkenden mit anerkennendem Applaus. Wir, als Sänger applaudierten mit und dankten insbesondere unserem Chorleiter Joachim Jänke. In der Sogwirkung dieses Konzertes wuchs unser Chor auf 41 aktive Sänger an. Unmittelbar nach dem künstlerischen Ereignis begaben sich unsere sechs jungen aktiven Mitglieder, um die 20 Jahre, auf die Arbeitsuche in die alten Bundesländer. Es war ein enormer sängerischer Einbruch für den Chor.
Zelter-Plakette
Am 09. März 1995, wurde uns in einer Zentralen Festveranstaltung in Rostock vom Bundespräsidenten Roman Herzog, die Zelter-Plakette verliehen. Diese ist die höchste Auszeichnung, die Laienchöre, wie auch Laienmusikgruppen in der Bundesrepublik Deutschland, die der jeweilige Bundespräsident alljährlich verleiht. Die Antragsteller müssen auf eine 100-jährige aktive Tradition verweisen können. Eine Abordnung unseres Chores konnte diesen großen Tag der Chor- und Musikvereine vor Ort erleben. Ein besonderes Gemeinschaftserlebnis war unser Festakt mit der Übergabe, der unter dem Motto stand: Singen heißt verstehen. Durch die Vertreterin der sächsischen Landesregierung, Frigga Schnakengburg, erhielten wir am 26. Mai 1995 im Alberttreff Großenhain die gewichtige, bronzene Plakette. Als unsere Gäste begrüßten wir Horst Rasch (MdL), Landrat Rainer Kutschke und Bürgermeister Burkhard Müller. Alle würdigten mit Ansprachen dieses besondere Ereignis.
Im SSB waren wir damals der dritte Verein, der diese Ehrung erhielt. - Übrigens erhielt die Großenhainer Kantorei für ihr 444-jähriges Bestehen 1996 die Zelter-Plakette. Der Unterschied zu uns, sie waren als Chor im Festakt eingebunden und die Übergabe erfolgte vom Innenminister im Auftrage des Bundespräsidenten.
Mit Begründung der Städtepartnerschaft zwischen Öhringen bei Stuttgart und Großenhain beauftragte der Verein den Vorsitzenden Behla, einen Partnerchor für uns ausfindig zu machen. Unsere Meinung war, dass eine Städtepartnerschaft nur im direkten Kontakt zwischen den Menschen geschehen kann. Was einst am 03. Oktober 1990 mit einer Kontaktaufnahme begann, fand Anfang Juli 1992 seinen ersten Höhepunkt. Analog der Städtepartnerschaft meldeten sich die Sangesfreunde vom MGV Michelbach am Wald e.V. Mit dem Vorsitzenden Toni Kunz hatten wir einen sehr verständnisvollen, humorvollen und zielstrebigen Partner an unserer Seite. So kam es 1991 zum ersten Besuch in Großenhain, und im darauf folgenden Jahr erlebten 25 Aktive mit Partnerinnen eine 3-Tagefahrt nach Öhringen. Der Anlass war ein Dorffest mit der Übergabe der Ortsdurchfahrt und der Enthüllung des Dorfbrunnens, aus dem Wein floss. Wir haben neben den herzlichen Michelbacher Menschen viel Schönes erleben können. - Damals zum Beginn unserer Partnerschaft wussten wir noch nicht, dass wir es mit einem Weinbauerndorf und eben einem solchen Chor so günstig treffen würden. Seit dieser Zeit fließt der viel gepriesene Wein, damals der Weingärtnergenossenschaft Michelbach-Söllbach, jetzt aus der Weinkellerei Hohenlohe, in die 30 Kehlen der Großenhainer Weintrinker. Der Vertrieb erfolgt ehrenamtlich im Rahmen der Möglichkeit, die eine Gemeinnützigkeit eines Vereines möglich macht. Übrigens, der Weinstand des Männerchores Großenhain-Reinersdorf ist immer ein begehrter Treffpunkt zu Stadtfesten oder zu besonderen Anlässen.
Vom Präsidium des SSB beauftragt, war der Männerchor am 11. September 1993 Gastgeber für das Sächsische Männerchorfest in Großenhain. Um die ca. 800 Sänger versammelten sich damals. Unsere Marien-Kirchgemeinde zeigte sich als ein guter, fördernder Gastgeber, und so konnten das Eröffnungs- und Abschlusskonzert in dem Spätbarockbau stattfinden. Erstmalig wurden stolz viele wertvolle historische Sängerfahnen präsentiert. Der Sängerumzug verlief bewusst ein Stück auf der Strecke unserer Donnerstagdemonstrationen in Großenhain bis zum Friedhof. Hier gedachten die Sänger am Grab von Paul Gläser mit einer Andacht von Pfarrer Wilzki und Chorgesängen dem Chormeister des Sächsischen Sängerbundes. Unsere Stadt mit ihren Menschen und mit unserem Bürgermeister Müller erwies sich als ein würdiger Gastgeber.
Der SSB feierte am 02.10.1999 seinen 75. Gründungstag mit einem großen Sängerfest in Großenhain. Der Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und der Präsident des Deutschen Sängerbundes grüßten mit einem Vorwort in der Festschrift die Sängerinnen und Sänger. Der Präsident des Sächsischen Sängerbundes, Wolfgang Wehmann, verfasste für Großenhain einen Sängerspruch für alle Chorsparten Heimatlied im Heimatland. Als Gastgeber gemeinsam mit der Stadt entwickelte sich dieser sonnige Sängertag zu einem großen Chorfest in Großenhain. Gemeinsam mit den Gästen, dem Konzertchor aus Braunschweig und den über 1850 Sängerinnen und Sängern wurde auf drei Bühnen vor dem Rathaus gesungen und musiziert.
Übrigens, am 03. Oktober 1999, zu unserem Nationalfeiertag, erklang in der Marienkirche von Felix Mendelssohn Bartholdy der 95. Psalm op. 46 und die Sinfoniekantate Lobgesang op. 52 vom Konzertchor Braunschweig und dem Orchester musica juventa aus Halle. Dieses Konzerterlebnis wurde von unseren Gästen zum Sängerfest bewusst ausgewählt.
Auf Initiative des Männergesangvereines 1885 Großenhain-Naundorf e.V. konnte mit Hilfe von Spendern in der großen Abschlussgala unserem Bürgermeister B. Müller vom Präsidenten W. Wehmann und dem Vorsitzenden S. Behla eine Ehrentafel zur Erinnerung an den KMD Paul Gläser überreicht werden.
2. Oktober 1999 - Übergabe der Paul-Gläser-Gedenktafel an den Bürgermeister B. Müller durch v.l. S. Behla, Vors. d. MGV und W. Wehmann, Präsident des SSB (Foto: B. Günther)
Es wurde die Bitte geäußert, diese zum Gedenken an das Wohnhaus auf der Thomas-Mann-Straße 3 anbringen zu lassen.
Schließlich trafen sich am 24. und 25. August 2002 die Sängerinnen und Sänger in Großenhain auf der 3. Sächsischen Landesgartenschau zu einem Sängerfest. Insgesamt belebten 1540 Teilnehmer die LGS unmittelbar nach der Jahrhunderflut. Unser gastgebender Anteil war die Vorbereitung mit der Landesgartenschau GmbH, so dass die weit gereisten Gäste durch eine exakte Organisation sich Wohlfühlen konnten. Nach der großen Flut waren die Sängerinnen und Sänger des SSB diejenigen die manche falsche Nachricht vom Hochwasser widerlegen konnten.
Die Abschlusskonzerte waren ein unvergessliches Ereignis. Unser Chorleiter Stefan Jänke dirigierte den Massenchor mit seinem Auftragswerk, die Hymne der 3. Sächsischen Landesgartenschau in Großenhain, sein Lied Traum von der Natur und des weiteren das von ihm gesetzte, dem SSB gewidmete Lied Die Natur ist voller Wunder. Die Sänger mit dem weitesten Weg waren unsere Partner, der Wengerter-Chor in der Mundart benannt (Weingärtnerchor), aus Adolzfurt, dem Hohenloher Land. Am Abend hatten wir als Gastgeber eine erlebnisreiche Chorbegegnung im Alberttreff.
Stabwechsel in der künstlerischen Leitung
Viele schöne kulturelle Erlebnisse hatten wir mit unserem Chorleiter. Wir waren am 06. Juni 1992 beim Treppensingen in Dresden dabei, gestalteten zur Sängerwerbung jährliche originelle Faschingsvergnügen, traten mehrfach zu Sängerfesten in Bad Lausick auf, sangen bei uns zu Stadt- und Parkfesten, auf den Weihnachtsmärkten, gaben karitative Konzerte in der Diakonie Großenhain und in Riesa. Im Gemeinschaftsorchester Großenhain e.V. fanden wir einen wunderbaren Konzertpartner.
Am 01. September 1996 wurde Kantor Joachim Jänke zum Kirchenmusikdirektor berufen und in einem feierlichen Gottesdienst eingeführt. Das war für viele Sangesfreunde ein besonderes Erlebnis. Zu den Gratulanten zählte im Anschluss der Vizepräsident P. Schmidt vom SSB und S. Behla, Vorsitzender vom MGV 1885 Großenhain-Naundorf e.V. Mit dieser Funktion signalisierte der KMD im Chor, dass sie mehr Zeit von ihm in Anspruch nehmen wird. Die Reihe der Auftritte unter dem Dirigenten Joachim Jänke ist lang und erfolgreich. Sie dauerte bis zum 04. September 2002. Anlässlich der traditionellen Wandersingestunde des Chores war der Zielort unseres Treffens der Öhringer Garten im LGS Gelände. Hier kam es am Abend zur symbolischen Stabübergabe vom Vater Joachim - auf den Sohn Stefan Jänke.
Stefan Jänke ist 29 Jahre jung, ein ausgebildeter Diplomkomponist für Rock, Pop und Jazz. Aus Vertretungsproben ist er uns gut bekannt. Seine künstlerischen Ambitionen lagen bisher in der Leitung des Männerchores Reinersdorf. Die 11 Reinersdorfer Sangesfreunde waren unserer Einladung gefolgt und es kam zum ersten gemeinsamen Gesang.
Die Chorvereinigung
In beiden Chören reifte der Entschluss, dass die Sangesfreunde aus Reinersdorf dem MGV 1885 Großenhain-Naundorf zum "e.V. beitreten. Schließlich kam es zu gemeinschaftlichen Proben. Es wurde neues Liedgut einstudiert, da die Chöre auf Grund der Mitgliederstärke bisher zwei- bzw. vierstimmige Chorsätze einstudiert haben. Die Probenarbeit richtete sich auf das gemeinsame Erlebnis, das 750-jährige Stadtfest in der Partnerstadt Öhringen vom 18. bis 20. Juli 2003, aus. Unsere ersten öffentlichen Auftritte im Hohenlohekreis, im Rahmen des Festes sowie die Erlebnisse beim "Wengerter-Chor, ließen bei allen die Erkenntnis reifen, sich zu vereinen.
Außerordentliche Mitgliederversammlung am 14. April 2004 in der Orangerie der Diakonie Großenhain - Vereinigung der Männerchöre Großenhain und Reinersdorf (Foto:Behla)
In der Außerordentlichen Mitgliederversammlung kam es am 17. April 2004 in der Orangerie des Diakonischen Werkes zur historischen Chorvereinigung. Gemeinsam entschied man sich für den Namen: Männerchor Großenhain-Reinersdorf e.V. Vorerst sind wir stark geworden, doch mit unserem Jubiläum unter dem Leitthema: "Aufsteh'n, aufeinander zu geh'n", unternehmen wir einen erneuten Versuch, den Männerchorgesang in Großenhain weiterhin gut klingen zu lassen.
Aus der Geschichte des Männergesangvereins Reinersdorf
Die Gründung des Vereins erfolgte am 2. Februar 1867. Der erste Vorsteher unseres Vereins war Carl Traugott Rautenstrauch. Kassierer Karl August Pretzschel und Liedermeister - damals Gesangsdirektor genannt - Kantor G. Kotsch. Die ersten Proben wurden noch bei Talglicht (Kerze) oder Petroleumlampe abgehalten. Abwechselnd wurde in der Oberschänke oder im Gasthof geprobt. Spaß und Ulk kamen niemals zu kurz. So geschah es, dass ein Säumiger von den Sängern aus dem Bett zur Probe geholt wurde, zu der er im Nachthemd erschien. Sein Sohn brachte ihm im Auftrag der Mutter seine Hosen nachgetragen. Seit 1889 ist Kantor Preißler erster Dirigent.
Im Jahre 1899 übernahm Kantor Lohse das Amt des Liedermeisters. Er leitet 30 Jahre den Reinersdorfer Männergesangverein. Danach übernimmt Kantor Schlegel das Amt des Liedermeisters. Vorsitzender ist der Schneidermeister Hermann Ludwig. Der Verein ist Mitglied im Sächsischen Sängerbund und im Sängerbund Meißner Land.
Im Mai 1927, zum 60-jährigen Vereinsjubiläum, findet die Weihe der Vereinsfahne statt. Durch den Ehrenbundesliedermeister Paul Gläser wurden acht Sänger mit der Jubiläumsnadel geehrt. Emil Herrmann erhielt die Sängerbundnadel in Gold. An den Feierlichkeiten nimmt auch der Männerchor Großenhain mit 45 Sängern und einer Fahne teil.
1928 war das Jahr des Deutschen Liedes. In diesem Jahr strömen Tausende deutsche Sänger zum Sängerfest nach Wien. Drei Sänger und die Fahne unseres Vereins waren in Wien vertreten.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges beginnt sich die Sängerschar wieder zu sammeln. Kantor Kurt Zeller übemimmt 1947 das Amt des Liedermeisters. Vorsitzender ist Arno Heinrich.
1955 wird Erich Kattner aus Weßnitz neuer Chorleiter. Zum 90-jährigen Chorjubiläum 1957 wird ein großes Fest ausgerichtet. Der Vorsitzende Alfred Böhme hielt die Festansprache und auf dem Festplatz erklang ein Massenchor aus 500 Sängerkehlen. Nach diesem Ereignis fanden viele junge Sänger den Weg in den Verein.
1960 übernimmt Pfarrer Pahner das Amt des Liedermeisters.
1963 wird Herr Wilfried Vetter für kurze Zeit Chorleiter.
Im Jahre 1965 kommt der junge Dirigent Gotthold Müller aus Naunhof nach Reinersdorf. Die Vorbereitungen zum 100-jährigen Chorjubiläum beginnen. Am 28. Mai 1967 ist es soweit. Gemeinsam mit 10 Gastchören und Mitwirkenden der Musikhochschule Dresden wird ein festliches Konzert dargeboten. Tondokumente dieser Veranstaltung sind vorhanden. Nach diesen ereignisreichen Tagen kehrt wieder der Sängeralltag ein.
Bei vielen Vergnügen und gemeinsamen Ausflügen
wird der Zusammenhalt besiegelt. 1969 fand ein Männerchorkonzert im Kultursaal Naunhof statt. Ausführende waren Solisten der Kirchenmusikschule Dresden und der Männerchor Reinersdorf unter der Leitung von Gotthold Müller.
1970 ist das letzte gemeinsame Auftreten anlässlich 50 Jahre Männerchor Walda. Gotthold Müller musste das Amt des Chorleiters aus beruflichen Gründen aufgeben. Es konnte kein neuer Liedermeister gefunden werden. Der Gesang ruhte.
28. Mai 1967 - 100. Sängerfest - v.d. Grundstück von Sfr. G. Kühne (Foto: S. Hoffmann)Der Neuanfang
Zum großen Festumzug anlässlich der 725 Jahrfeier in Reinersdorf marschierten alle ehemaligen Sänger unter unserer Vereinsfahne. Was fehlte war der Gesang. Unter der Leitung von Gotthold Müller begannen wir am 18.Mai 1994 das Lied zu wecken. 16 aktive und 4 passive Mitglieder wagten einen Neubeginn. Zum neuen Vorsitzenden wurde Siegfried Atlas gewählt. Es folgten Auftritte zum 90-jährigen Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr. Zur Weihe der Fahne des Militärvereins Reinersdorf und Umgebung. Bei Dorffesten und beim Gemeindebier waren die Lieder unseres Chores gefragt.
Ab 1996 übernimmt, Stefan Jänke aus Großenhain, den Dirigentenstab. Zuerst vertretungsweise und nach und nach entwickelt sich eine besondere Beziehung zum Chor. Neue Lieder und eine frische Art der Interpretation lassen für die Zukunft hoffen. Zur gleichen Zeit entstehen freundschaftliche Kontakte zum Männerchor Großenhain - Naundorf. Gemeinsame Auftritte bei Nachbarchören und Vereinsjubiläen folgen. Wir nahmen an Höhepunkten wie einer Chorkirmes und dem Sängertreffen des Sächsischen Sängerbundes in Großenhain teil. Unser gemeinsamer Chorleiter ist schon Stefan Jänke. Wir erkannten dass es nur einen gemeinsamen Weg des Chorgesangs gibt. Unter dem Motto "Aufsteh'n, aufeinander zugeh'n" vereinten wir uns schließlich zum Männerchor Großenhain-Reinersdorf e.V.
Der Männerchor Reinersdorf 1999 (Foto: B. Günther)